Mehrwertsteuer-Vergünstigungen im Fokus
Der vielleicht direkteste und spürbarste Hebel sind die Mehrwertsteuer-Vergünstigungen. Shanghai gewährt für bestimmte Film- und Fernsehproduktionen, die im Stadtgebiet durchgeführt werden, eine Rückerstattung oder Reduzierung der gezahlten Mehrwertsteuer. Das klingt technisch, hat aber massive finanzielle Auswirkungen. Konkret können für qualifizierte Projekte, die als „national wichtig“ oder „kulturell wertvoll“ eingestuft werden, bis zu 100% der gezahlten Mehrwertsteuer auf Produktionskosten zurückerstattet werden. Stellen Sie sich vor, Sie produzieren einen großen Spielfilm mit einem Budget von 100 Millionen RMB. Die darin enthaltene Mehrwertsteuer ist ein erheblicher Posten. Eine teilweise oder vollständige Rückerstattung verbessert die Liquidität und die Gesamtrentabilität des Projekts erheblich.
Die Krux liegt hier in der Definition „qualifiziert“. Meine Erfahrung aus der täglichen Arbeit mit Kunden zeigt: Es reicht nicht, einfach nur einen Film in Shanghai zu drehen. Die Beantragung ist ein Prozess, der frühzeitig in der Projektplanung berücksichtigt werden muss. Man muss ein überzeugendes Dossier beim zuständigen Büro für Radio, Film und Fernsehen sowie der Steuerbehörde einreichen. Darin muss der kulturelle Wert, das innovative Potenzial und der wirtschaftliche Beitrag für Shanghai dargelegt werden. Ein Fall, an den ich mich gut erinnere: Eine europäische Co-Produktion, die moderne chinesische Literatur adaptierte, hatte zunächst Schwierigkeiten, den „kulturellen Wert“ nachzuweisen. Gemeinsam haben wir eine detaillierte Analyse erstellt, die den Brückenschlag zwischen den Kulturen und die Förderung des literarischen Erbes Shanghais hervorhob – mit Erfolg. Die Rückerstattung war am Ende ein Game-Changer für die Finanzierung.
Wichtig ist auch zu verstehen, dass diese Vergünstigungen oft an den tatsächlichen Produktionsstandort und die Verwendung lokaler Dienstleister geknüpft sind. Ein „Briefkasten-Firmensitz“ in Shanghai reicht nicht aus. Die Behörden prüfen Verträge mit lokalen Studios, Crews, Post-Production-Häusern und Lieferanten. Hier lauert eine häufige Herausforderung: Die Buchhaltung muss von Anfang an sauber und transparent sein, um alle förderfähigen Kosten klar nachweisen zu können. Ein chaotisches Kostenmanagement kann am Ende dazu führen, dass erhebliche Beträge nicht anerkannt werden. Mein Rat: Beziehen Sie Ihren Steuerberater ein, bevor die erste Rechnung geschrieben wird.
Einkommensteuer-Vorteile für Talente
Eine Branche lebt von ihren Talenten. Shanghai hat das erkannt und bietet spezielle Einkommensteuer-Vergünstigungen für hochqualifizierte ausländische und inländische Fachkräfte in der Kreativwirtschaft an. Für ausländische Stars, Regisseure, Produzenten oder Technikexperten, die in Shanghai arbeiten, kann der marginale Einkommensteuersatz auf ihr in China erzieltes Einkommen erheblich gesenkt werden – in Einzelfällen sogar auf pauschale 15%. Das ist ein gewaltiger Anreiz, um internationale Top-Talente für Projekte vor Ort zu gewinnen, die sonst vielleicht aufgrund der hohen steuerlichen Belastung zögern würden.
In der Praxis ist die Beantragung jedoch kein Selbstläufer. Die Definition „hochqualifiziert“ wird streng ausgelegt. Es reicht nicht, einfach nur ein ausländischer Pass und ein Vertrag vorzulegen. Die Behörden verlangen Nachweise über internationale Auszeichnungen, eine herausragende berufliche Vita oder den Nachweis, dass die Person über seltene, in China dringend benötigte Fähigkeiten verfügt. Ich erinnere mich an einen amerikanischen VFX-Supervisor, der für einen Blockbuster angeworben wurde. Sein Gehalt war entsprechend hoch. Die Herausforderung bestand darin, seine einzigartige Expertise in einer bestimmten Simulationstechnologie nachzuweisen, die es in China damals kaum gab. Wir mussten Gutachten von Branchenverbänden und Referenzen früherer preisgekrönter Arbeiten einholen, um die Steuerbehörde zu überzeugen.
Für inländische Talente gibt es ebenfalls Modelle, etwa über Beteiligungen an Produktionsfirmen oder spezielle Bonusregelungen. Ein Punkt, den viele unterschätzen: Diese persönlichen steuerlichen Vorteile sind ein extrem wirksames Lockmittel in den Verhandlungen mit Talenten. Als Produzent oder Investor können Sie mit diesem Argument punkten und so vielleicht ein Talent für sich gewinnen, das ansonsten abgewandert wäre. Es lohnt sich, hier proaktiv mit der Personalabteilung und den Steuerexperten zusammenzuarbeiten, um attraktive und compliante Vergütungspakete zu schnüren.
Förderung für bestimmte Genres und Formate
Die Politik Shanghais ist nicht blind für alle Inhalte. Es gibt eine klare Schwerpunktsetzung, die Investoren kennen sollten. Besonders gefördert werden Projekte, die **chinesische Kulturwerte vermitteln, innovative Erzählformen wagen oder technologische Maßstäbe setzen**. Dazu zählen beispielsweise Animationsfilme, Dokumentationen mit kulturellem oder wissenschaftlichem Anspruch, sowie Produktionen, die Virtual Reality oder andere Cutting-Edge-Technologien integrieren. Auch Ko-Produktionen mit ausländischen Partnern, die einen echten kulturellen Austausch darstellen, stehen hoch im Kurs.
Das bedeutet im Umkehrschluss: Rein kommerzielle Unterhaltungsformate ohne erkennbaren kulturellen oder innovativen Beitrag erhalten möglicherweise weniger oder gar keine Unterstützung. In meiner Beratungspraxis erlebe ich oft, dass internationale Studios zunächst mit ihren standardisierten Genre-Formaten (Action, RomCom) nach Shanghai kommen und dann überrascht sind, dass die Förderung mau ausfällt. Die erfolgreicheren Ansätze waren immer solche, die eine lokale Nuance, eine Zusammenarbeit mit chinesischen Story-Editoren oder die Integration lokaler Themen einbrachten. Ein Beispiel: Ein deutscher Produzent wollte eine Science-Fiction-Serie realisieren. Das reine Konzept fand wenig Begeisterung. Als die Story jedoch um das Thema „kluge Städte“ (Smart Cities) und nachhaltige Entwicklung erweitert und mit Shanghais eigenem Stadtentwicklungsvisionen verknüpft wurde, änderte sich das Bild schlagartig. Plötzlich war das Projekt „innovativ“ und „zukunftsweisend“.
Die Moral von der Geschicht‘: Wer die Förderung optimal nutzen will, muss sich mit den kulturpolitischen Zielen Shanghais auseinandersetzen. Es geht nicht nur um Buchhaltung, sondern auch um Narrativ. Die Antragsstellung für Genre-Förderung erfordert daher eine Doppel-Expertise: steuerliches Know-how und ein Gespür für kulturpolitische Argumentation. Hier zahlt sich eine enge Zusammenarbeit mit lokalen Co-Produzenten oder Beratern, die beide Welten verstehen, aus.
Vereinfachte Verfahren für ausländische Zahlungen
Ein oft übersehener, aber praktisch enorm wichtiger Punkt sind die vereinfachten Verfahren für grenzüberschreitende Zahlungen. In der Filmproduktion fließt viel Geld ins Ausland: für Lizenzgebühren, Talent-Honorare, Spezialequipment oder Dienstleistungen ausländischer Post-Production-Firmen. Normalerweise sind solche Zahlungen in China mit aufwändigen steuerlichen Quellenabzügen (Withholding Tax) und behördlichen Genehmigungen verbunden – ein bürokratischer Albtraum, der Projekte verzögern kann.
Shanghai hat für die Kreativbranche hier Erleichterungen geschaffen. Für bestimmte, klar definierte Zahlungsströme – etwa Lizenzgebühren für bereits fertiggestellte Formate oder Honorare für ausländische Talente, die bereits die oben genannte steuerliche Begünstigung erhalten haben – gibt es grüne Kanäle. Die Steuerbehörden und Devisenkontrollbehörden arbeiten in speziellen Schalterstellen („One-Stop-Shops“) für die Kulturindustrie enger zusammen, um Genehmigungen zu beschleunigen. Das spart Zeit und Nerven.
Ein realer Fall: Eine Produktionsfirma musste dringend eine hohe Summe an eine britische Musikrechte-Agentur überweisen, um die Synchronisationsrechte für einen Song zu sichern. Im normalen Prozess hätte das Wochen gedauert. Durch die Nutzung des beschleunigten Verfahrens für kulturelle Projekte und mit vorbereiteter, standardisierter Dokumentation (inkl. des für solche Fälle wichtigen „Steuerbehandlungserklärungsformulars“) wurde die Genehmigung innerhalb weniger Tage erteilt. Diese operative Erleichterung ist für den reibungslosen Ablauf internationaler Produktionen fast genauso wertvoll wie die direkten Steuervorteile. Man muss diese Verfahren nur kennen und korrekt anwenden.
Abschreibungsregeln für Produktionskosten
Ein weiterer, sehr technischer, aber finanziell äußerst relevanter Aspekt sind die speziellen Abschreibungsregeln für Film- und Fernsehproduktionskosten. Normalerweise müssen Investitionen über mehrere Jahre abgeschrieben werden. In Shanghai können die Kosten für die Herstellung eines Films oder einer Serie unter bestimmten Umständen **beschleunigt abgeschrieben oder sogar sofort als Aufwand verbucht werden**. Dies führt zu einem steuerlichen Verlust in der Produktionsphase, der mit anderen gewinnbringenden Aktivitäten der Produktionsfirma verrechnet werden kann, was den steuerpflichtigen Gewinn und damit die Steuerlast sofort senkt.
Das ist besonders für etablierte Studios oder Medienkonzerne interessant, die in Shanghai eine Produktionseinheit betreiben. Sie können die hohen initialen Kosten einer Produktion nutzen, um ihre steuerliche Basis zu optimieren. Die Voraussetzung ist wiederum eine klare Zuordnung der Kosten zum förderfähigen Projekt und eine korrekte Bilanzierung nach den chinesischen Rechnungslegungsstandards für die Kulturindustrie. Ein Fehler, den ich oft sehe: Es werden Kosten aus der Entwicklungsphase („Development“), die nicht direkt der konkreten, genehmigten Produktion zugeordnet werden können, fälschlicherweise mit eingerechnet. Das führt bei Prüfungen regelmäßig zu Korrekturen und Nachzahlungen.
In einem konkreten Fall halfen wir einem asiatischen Medienunternehmen, seine Kostenstruktur für eine große TV-Serie so aufzustellen, dass die Abschreibung maximal genutzt werden konnte. Entscheidend war die detaillierte Aufschlüsselung aller Gewerke (Drehbuch, Cast, Crew, Ausstattung, Post-Production) und deren zeitliche Zuordnung. Diese „Steuerplanung“ auf Kostencbene ist unsichtbare, aber wertvolle Arbeit. Sie erfordert eine enge Abstimmung zwischen dem Produktionsteam und den Finanzverantwortlichen von Tag eins an – eine Zusammenarbeit, die leider nicht immer selbstverständlich ist.
Fazit und Ausblick
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Shanghais steuerliche Regelungen für die Film- und Fernsehbranche ein durchdachtes und vielschichtiges Instrumentarium darstellen, um die Stadt als globalen Kreativ-Hub zu etablieren. Es geht weit über einfache Steuersenkungen hinaus. Das Paket kombiniert direkte finanzielle Anreize (Mehrwert- und Einkommensteuer) mit operativen Erleichterungen (Zahlungsverkehr) und bilanzpolitischen Vorteilen (Abschreibung). Der gemeinsame Nenner ist die klare Lenkungswirkung: Shanghai will qualitativ hochwertige, kulturell relevante und innovative Projekte anziehen.
Für Investoren bedeutet dies, dass eine erfolgreiche Nutzung dieser Regelungen eine strategische Herangehensweise erfordert. Es reicht nicht, das Projekt einfach nur nach Shanghai zu verlegen. Erfolg hat, wer die kulturpolitischen Ziele versteht, seine Projektplanung und Finanzmodellierung frühzeitig darauf abstimmt und die oft komplexen Antrags- und Nachweisverfahren professionell begleiten lässt. Die Herausforderung der Zukunft wird meiner Einschätzung nach sein, dass sich der Wettbewerb der chinesischen Städte um kreative Industrien verschärft. Andere Metropolen könnten mit ähnlichen oder noch aggressiveren Modellen nachziehen. Shanghais Vorteil liegt derzeit in der Systematik und der internationalen Anschlussfähigkeit seines Ansatzes.
Meine persönliche Empfehlung: Betrachten Sie die steuerlichen Regelungen nicht als isolierten Bonus, sondern als integralen Bestandteil Ihres Businessplans für China. Bauen Sie das Wissen darüber in Ihre Due Diligence und Ihre Verhandlungen mit lokalen Partnern ein. Und seien Sie bereit, flexibel auf die Förderlogik zu reagieren – manchmal kann eine kleine Anpassung im kreativen Konzept die Tür zu erheblichen finanziellen Vorteilen öffnen.
Einschätzung der Jiaxi Steuer- & Finanzberatung
Aus unserer langjährigen Praxis bei der Jiaxi Steuer- & Finanzberatung für internationale Unternehmen in Shanghai betrachten wir die film- und fernsehspezifischen Steuerregelungen als einen der fortschrittlichsten und praktikabelsten Förderrahmen in China. Ihr größter Vorteil ist die relative Transparenz und Verfahrensorientierung. Im Vergleich zu anderen Industriesektoren sind die Kriterien hier klarer definiert. Dennoch bleibt die erfolgreiche Inanspruchnahme eine Herausforderung, die tiefes Steuerfachwissen mit einem Verständnis für die Besonderheiten der Kreativbranche verbinden muss. Oft scheitert es nicht am Willen der Behörden zu fördern, sondern an unzureichend vorbereiteten Anträgen oder einer Buchhaltung, die den Nachweis der förderfähigen Kosten nicht leisten kann. Unser Ansatz ist es immer, proaktiv und integriert zu beraten: Wir setzen uns bereits in der Konzeptphase mit unseren Mandanten zusammen, um die steuerlichen und förderpolitischen Implikationen jedes kreativen und vertraglichen Entscheids zu durchleuchten. So wird die Steueroptimierung nicht zum nachträglichen Schönheitspflaster, sondern zum tragenden Element der Projektfinanzierung. Die Erfahrung zeigt: Wer diese Regelungen professionell nutzt, kann seinen Wettbewerbsvorteil in einem der dynamischsten Medienmärkte der Welt signifikant ausbauen.